GEW Schleswig-Holstein

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Schleswig-Holstein
4. August 2016

Immer mehr NichtschwimmerInnen im Land zwischen den Meeren

Land und Kommunen tun nicht genug für den Schwimmunterricht

Schwimmunterricht Schleswig-Holstein

Die Zahl der Badeunfälle steigt. Immer weniger Kinder lernen schwimmen. Laut DLRG kann in Deutschland etwa jedes zweite Kind in der vierten Klasse noch nicht schwimmen. Werden die Kinder älter, wird es kaum besser: Von den Kindern und Jugendlichen im Alter von bis zu 18 Jahren können nur rund zwei Drittel schwimmen. Zahlen für Schleswig-Holstein kennen wir nicht. Sie dürften aber kaum besser ausfallen. Ziemlich traurig für das Land zwischen den Meeren.

Für Abhilfe wollen nun DLRG, Kinderschutzbund und RSH sorgen. Die gemeinsame Initiative „Schleswig-Holstein lernt schwimmen!“ soll Spenden locker machen, um Grundschulkindern die Teilnahme an Schwimmkursen zu ermöglichen. Keine schlechte Idee, solange Kommunen und Bildungsministerium als staatliche Institutionen anscheinend immer weniger in der Lage sind, Schwimmunterricht in den Schulen durchzuführen.

Direkten Schwimmunterricht sieht der Lehrplan für die Grundschule in Schleswig-Holstein offiziell nicht vor. Trotzdem findet er aber an einer Reihe von Schulen statt. Laut Lehrplan sollen die Kinder lernen, „sich im und auf dem Wasser zu bewegen“. Tun sie aber nicht, jedenfalls nicht annähernd flächendeckend. Oft existiert kein Schwimmbad in der Nähe, schrecken die hohen Kosten für den Schwimmbadbesuch oder ist der organisatorische Aufwand einfach zu groß. Bisweilen mangelt es auch an ausgebildeten LehrerInnen mit der Lehrbefugnis für den Schwimmunterricht. Darüber hinaus weigern sich manche Städte und Gemeinden, die Kosten für Busfahrten und Eintritt zu übernehmen.

In den Klassen 5 und 6 sind Ziele des Schwimmunterrichts schwerpunktmäßig: „Sicheres Bewegen im Wasser, unter Wasser und beim Springen. Die Jugendlichen üben Schwimmtechniken und messen sich in ihren Leistungen. Wichtige Bestandteile sind auch das Lernen von Regeln und Rettungsmaßnahmen und die Vermittlung der Bereitschaft, für andere Verantwortung zu übernehmen.“

Dass sich diese Ziele ohne Wasser schwerlich verwirklichen lassen, hat das Bildungsministerium schon lange erkannt. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage (Drs. 18/140) der Abgeordneten Heike Franzen (CDU) aus dem Jahre 2012“ heißt es u.a.: „Die Umsetzung der Lehrplanvorgaben ist abhängig vom örtlichen Angebot an Hallen und Freibädern. Wo Schwimmhallen geschlossen worden sind und keine Freibäder zur Verfügung stehen, muss auf Bustransporte zur nächstgelegenen Schwimmmöglichkeit zurückgegriffen werden. Die Einhaltung der Lehrplanvorgaben ist daher abhängig von der Situation vor Ort bzw. der Bereitschaft der Schulträger, ggf. Bustransporte zu finanzieren. Es wird davon ausgegangen, dass die Schulen ihrem Auftrag, den Jugendlichen „Wassersicherheit“ zu geben, grundsätzlich nachkommen.“ Ob und in welchem Umfang im Schuljahr 2011/2012 Schwimmunterricht tatsächlich stattgefunden hat, weiß das Bildungsministerium jedoch nicht, denn „die Daten werden nicht erhoben“.

Bis heute dürfte sich beim Schwimmunterricht wenig geändert haben. Deshalb irritieren die Äußerungen von Bildungsministerin Britta Ernst in der Presseerklärung von DLRG, Kinderschutzbund und RSH: „Auch Britta Ernst, Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein unterstützt die Aktion und stellt sicher, dass die Schulen auch unbürokratisch in diese Aktion eingebunden werden können: „Fast alle Kinder sind Wasserratten, wenn sie früh genug anfangen. Schwimmen macht Spaß, Schwimmen ist gesunde Bewegung, Schwimmen schafft Selbstvertrauen und Sicherheit. Ich finde es toll, dass für das Schwimmen in Schleswig-Holstein jetzt landesweit ‚getrommelt‘ wird.““

Da hätten wir von der für Bildung zuständigen Ministerin doch etwas mehr erwartet. Es ist doch etwas dürftig, es nur „toll“ zu finden, dass andere für das Schwimmen in Schleswig-Holstein „trommeln“. Wie wäre es denn mit einem Aufruf zu einer gemeinsamen Initiative von Land und Kommunen für den Schwimmunterricht in Schleswig-Holstein gewesen? Mit dem Ziel, für möglichst viele Schulen einen Zugang zu Schwimmbädern zu erreichen, der für die Schulen auch finanzierbar ist?

Im Augenblick bekommen manche Kinder während ihrer gesamten Schullaufbahn nicht ein einziges Mal Schwimmunterricht. Das müssen dann die Eltern richten. Wenn Mutter und Vater selbst nicht schwimmen können oder nicht genügend Geld für die oft happigen Eintrittspreise zum Schwimmbad berappen können, haben die Kinder eben Pech gehabt. Das Schwimmen fällt für sie ganz aus. Auch beim Schwimmen lässt sich die soziale Spaltung unserer Gesellschaft beobachten, die wir aus dem Bildungssystem nur zu gut kennen. Während sich die große Mehrheit der Abiturienten als durchschnittliche bis gute Schwimmer bezeichnen, kann nur gut die Hälfte der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss schwimmen.

Die DLRG ist sich sicher: Mit mehr Schwimmunterricht kann u.a. erreicht werden, dass die Anzahl von Schwimmunfällen zurückgeht. Das wäre schon eine Menge! Deshalb ist es wichtig, für viele Kinder Schwimmunterricht in der Schule anzubieten, obgleich es vermutlich in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein aus organisatorischen Gründen nicht möglich sein wird, dies überall umzusetzen. Private Spendenaufrufe reichen jedenfalls nicht. Aktives staatliches Handeln ist gefragt. Städte, Gemeinden und Land müssen sich hier stärker engagieren. Als Land zwischen den Meeren darf Schleswig-Holstein doch nicht zum Land der Nichtschwimmerinnen und Nichtschwimmer werden!

Bernd Schauer

Foto: © Julia Rotter (www.pixelio.de)