GEW Schleswig-Holstein

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Schleswig-Holstein
7. September 2015
Thema: Hochschule

Die Professur kann nicht das einzige Ziel sein

Diskussion über prekäre Beschäftigung in der Wissenschaft

Mit knapp 100 Zuhörenden war der Hörsaal C des Audimax der Kieler Universität gut gefüllt, als dort am 7. Juli über Karrierewege und Beschäftigungsbedingungen in Wissenschaft und Forschung diskutiert wurde. Auf dem Podium saßen Nina Blasse, Sprecherin der Fachgruppe Hochschule und Forschung der GEW und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Europa-Universität Flensburg, Dr. Sven Singhofen, Mitglied des Personalrats und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU), Prof. Dr. Lutz Kipp, Präsident der CAU und Rolf Fischer, Staatssekretär des Wissenschaftsministeriums.

„Heute ist ein guter Tag für die Hochschulen in Schleswig-Holstein“ eröffnete Moderator Steffen Regis die Runde. Am Morgen erst waren zusätzliche Gelder für die Hochschulfinanzierung beschlossen worden: Zusätzliche 10 Mio. Euro gehen im nächsten Jahr vom Land an die Hochschulen, in den nächsten Jahre wächst die Grundfinanzierung schrittweise um 25 Mio. Euro. Hinzukommt die Verstetigung des Landesanteils der Hochschulpaktmittel von 30 Mio. Euro.

Die Finanzen bilden jedoch nur eine von mehreren Stellschrauben, die für gute Arbeit in Wissenschaft und Forschung relevant sind. Gleich zu Anfang bringt Nina Blasse ein Problem des Systems Wissenschaft auf den Punkt: „Bis jemand mit 40 oder später eine Professur hat, gilt die Person als ‚wissenschaftlicher Nachwuchs’. Dabei sind wir ausgebildete Wissenschaftler*innen, die eben diesem Beruf nachgehen – Wissenschaft.“

In den folgenden zwei Stunden wird auf dem Podium über das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, den Sinn und Unsinn von Befristungen, die Notwendigkeit planbarer Karrierewege und die Möglichkeiten politischer Steuerung diskutiert. Angeregt wurde die Diskussion immer wieder von Fragerunden, in denen das Publikum sich mit Fragen und Kommentaren einbringt. Die grundlegende Problematik, die das Zusammenspiel von häufig projektbezogener Arbeit, chronischer Unterfinanzierung und starker Spezialisierung bringt, bleibt auch hier im Raum. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das gerade novelliert wird, schreibt als Bundesgesetz vor, dass Beschäftigte an Universitäten und Forschungseinrichtungen bis zu zwölf Jahre befristet beschäftigt werden können. Gibt es dann keine Dauerstelle, bedeutet dies das Aus für die wissenschaftliche Laufbahn. Dauerstellen jedoch gibt es so gut wie ausschließlich bei Professuren. Grundständige Arbeit im wissenschaftlichen Mittelbau wird häufig durch Drittmittel finanziert oder als kurzfristige Qualifikationsstelle angeboten. Steigende Studierendenzahlen verschärfen das Problem: Der immer größere Bedarf an Lehre steht der eigenen Weiterqualifizierung der Wissenschaftler*innen häufig im Wege oder wird durch befristete Beschäftigung als „wissenschaftliche Mitarbeiter*innen mit überwiegender Tätigkeit in der Lehre“ bzw. Lehrkräfte für besondere Aufgaben abgedeckt. Durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz enden solche Tätigkeiten spätestens nach zwölf Jahren häufig in einer Sackgasse.

Doch wie kann man dieses Problem auflösen? Hier herrschen auf dem Podium durchaus unterschiedliche Meinungen. Während Kipp das Problem hauptsächlich in der durch das Bundesgesetz vorgegebenen Zwölf-Jahres-Grenze sieht, wünschen sich Singhofen, Blasse und ein großer Teil des Publikums die Möglichkeit, langfristige Perspektiven im wissenschaftlichen Mittelbau zu haben. Hierfür liegt eine Stellschraube sicherlich in den Finanzen. Fischer merkt an, dass vom Ministerium mit den zusätzlichen Geldern der Wunsch kommt, Stellen zu entfristen.

Schleswig-Holstein als Wissenschaftsstandort? Die gerade laufende Novelle des Landeshochschulgesetzes lässt hoffen. „Gute Arbeit“ steht im Gesetz – mit der Aufforderung an die Hochschulen, sich dazu einen verbindlichen Kodex zu geben. Das ist ein guter Anfang, die zusätzlichen Gelder auch. Jetzt heißt es für uns: Dran bleiben und mitgestalten.